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Wer erklärt die Ukraine?

Seit 2022 wird in Deutschland so viel über die Ukraine gesprochen wie selten zuvor. Über ihre Politik, Gesellschaft, Kultur und Geschichte wird täglich berichtet. Doch eine Frage wird erstaunlich selten gestellt: Wer gilt eigentlich als Experte für die Ukraine – und wer entscheidet, welches Wissen über die Ukraine als maßgeblich gilt? Über Jahrzehnte wurde ukrainische…

Seit 2022 wird in Deutschland so viel über die Ukraine gesprochen wie selten zuvor. Über ihre Politik, Gesellschaft, Kultur und Geschichte wird täglich berichtet. Doch eine Frage wird erstaunlich selten gestellt:

Wer gilt eigentlich als Experte für die Ukraine – und wer entscheidet, welches Wissen über die Ukraine als maßgeblich gilt?

Über Jahrzehnte wurde ukrainische Geschichte in Wissenschaft und Öffentlichkeit häufig durch Kategorien vermittelt, die aus der Beschäftigung mit Russland und der Sowjetunion hervorgegangen sind. Die Ukraine erschien als Teil eines größeren „russischen“, „sowjetischen“ oder „postsowjetischen“ Raumes – und viel seltener als eigenständiges historisches und kulturelles Subjekt.

Unser Projektbuch KARTA – Ukrainisches dekoloniales Denken beschreibt solche asymmetrischen Wissensordnungen als Teil des Problems. Dekolonisierung betrifft deshalb nicht nur Politik und Kultur. Sie betrifft auch Wissenschaft, Medien und die Frage, wie Wissen entsteht und wessen Wissen Autorität erhält.

Osteuropaexpertise ist nicht automatisch Ukraineexpertise

Wer journalistisch über ukrainische Geschichte berichtet, trifft Entscheidungen: Welche Expert:innen werden konsultiert? Welche Einschätzungen erhalten besonderes Gewicht? Welche Forschung wird berücksichtigt – und welche nicht?

Was passiert, wenn bei einer konkreten Frage der ukrainischen Geschichte die Einschätzung allgemeiner Osteuropaexpertise größeres Gewicht erhält als die Forschung von Wissenschaftler:innen, die sich seit Jahren genau mit diesem Gegenstand beschäftigen – in Deutschland ebenso wie in der Ukraine?

Reicht die Bezeichnung „Osteuropaexperte“? Oder sollten Forschungsgegenstand, Quellenkenntnis, Sprachkompetenz und einschlägige wissenschaftliche Arbeit entscheidend sein?

Dabei geht es nicht darum, allgemeine Osteuropa- oder Russlandexpertise abzuwerten. Problematisch wird es dort, wo sie selbstverständlich als Ersatz für spezifische Ukraineexpertise behandelt wird.

Journalistische Sorgfalt endet nicht mit der Einholung einer Expertenmeinung

Gerade bei kontroversen historischen Themen besteht journalistische Verantwortung nicht allein darin, eine Expertenstimme zu finden.

Entscheidend ist auch, warum gerade diese Stimme ausgewählt wird, welche fachliche Nähe sie zur konkreten Fragestellung besitzt und wie unterschiedliche wissenschaftliche Einschätzungen anschließend gewichtet werden.

Besonders problematisch wird es, wenn eine Experteneinschätzung journalistisch den Eindruck einer abschließenden wissenschaftlichen Wahrheit erhält, während die Position von Forschenden, die unmittelbar zum behandelten Gegenstand arbeiten, relativiert oder in Zweifel gezogen wird.

Auch zugespitzte Überschriften verdienen besondere Aufmerksamkeit. Sie erreichen häufig mehr Menschen als der eigentliche Artikel und prägen dessen Interpretation, bevor die erste Zeile gelesen wurde. Gerade bei historisch und politisch sensiblen Themen sollte Zuspitzung deshalb nicht an die Stelle von Differenzierung treten.

Kritischer Journalismus braucht kritische Fragen. Aber kritische Fragen müssen auch an die eigene Auswahl und Hierarchisierung von Wissen gestellt werden.

Dekolonisierung bedeutet nicht weniger Kritik

Das gilt gerade für die Ukraine.

Dekolonisierung darf niemals bedeuten, ukrainische Geschichte weniger kritisch zu untersuchen oder problematische historische Persönlichkeiten vor Kritik zu schützen.

Im Gegenteil.

Sie verlangt bessere Kritik: auf Grundlage einschlägiger Expertise, unterschiedlicher Quellen und wissenschaftlicher Perspektiven – und mit der Bereitschaft, auch etablierte Kategorien und Wissenshierarchien zu hinterfragen.

KARTA weist darauf hin, dass ukrainische Geschichte lange durch russische Deutungsmuster vermittelt oder als Teil einer vermeintlich gemeinsamen Geschichte dargestellt wurde. Medien sind an der Reproduktion – aber auch an der Veränderung – solcher Wissensordnungen beteiligt.

Die Ukraine braucht keine Sonderbehandlung.

Sie braucht dieselbe journalistische und wissenschaftliche Präzision, die wir bei der Geschichte anderer europäischer Gesellschaften erwarten.

Und vielleicht sollten wir deshalb häufiger fragen:

Wer erklärt die Ukraine?
Auf welcher Grundlage?
Und warum hören wir manchen Stimmen genauer zu als anderen?

Dekolonisierung ist auch deshalb eine gemeinsame Aufgabe – für Wissenschaft, Kultur, Medien und Zivilgesellschaft.

Nicht weniger Kritik. Sondern bessere Grundlagen für Kritik.

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